„Das verborgene Band“ -ein faszinierendes Gesamtkunstwerk im Miltenberger Claviersalon von Heinz Linduschka im Boten vom Untermain 30/7/2012

Miltenberg. Es gibt manchmal, wenn auch selten Abende, da bleibt am Ende kein Wunsch offen und die Besucher gehen mit strahlenden Augen nach Hause. Am Freitag war es im Miltenberger Claviersalon wieder einmal so weit: 35 Besucher, mehr konnten den Abend in dem stimmungsvollen Ambiente leider nicht genießen, waren ausnahmslos begeistert vom Gesamtkunstwerk, das Sylvia Ackermann am Bösendorferflügel von 1849 als Fanny Mendelssohn, ihre frische, temperamentvolle zwölfjährige Tochter als Fannys jüngerer Bruder Felix und die Schweizer Schauspielerin Lea Schmocker in der Rolle der einfühlsamen, ausdrucksstarken Sprecherin und Textinterpretin dreieinhalb Stunden lang geboten hatten. „Das verborgene Band“ lautete der Titel des Doppelporträts zweier musikalischer Genies aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Es ging um die faszinierende Beziehung zwischen Felix und seiner Schwester Fanny, die im Alter von 24 Jahren den Hofmaler Wilhelm Hensel in Berlin geheiratet  und danach ernsthaft gehofft hatte, einen „freundschaftlichen Dreibund“ mit den beiden geliebten Männern leben zu können.

Es ist ein beeindruckendes und bedrückendes soziologisches Zeitporträt zugleich, das Sylvia Ackermann und Lea Schmocker in ihrer einfühlsamen Textauswahl und mit ihren schlüssigen Zwischentexten erarbeitet haben – immer wieder kongenial abgerundet und musikalisch umrahmt durch die Kompositionen von Fanny und Felix auf dem Flügel von 1849 mit seinem unverwechselbaren warmem Klang, der den Claviersalon tatsächlich in den Salon der Mendelssohn-Bartholdys in der Leipziger Straße 3 im Berlin des 19.Jahrhunderts verwandelte. Fanny verkörpert besser als jede andere die Tragik einer hochtalentierten Künstlerin  aus einer großbürgerlichen, aufgeklärten Familie, die nie aus den Rollenkorsett der Frau und Mutter ausbrechen kann. Zeitgenossen waren sich einig, dass Fannys Talent am Klavier – was das Spiel und die Kompositionen anging – ihrem Bruder Felix durchaus ebenbürtig war. Und auch Felix selbst wusste das, wie er seiner Schwester 1829 über ihre Lieder schrieb: „Ich denke es ist die schönste Musik, die jetzt ein Mensch auf der Erde machen kann….Das ist die innere, innerste Seele von der Musik; was das für Einfälle sind!….Solche Musik habe ich nie gehört!; auch werde ich in meinem Leben nichts Ähnliches machen; das tut aber nichts, wenn’s nur in der Welt ist; einerley, wer es ausgesprochen hat.“ Schöne Worte, die mit der Realität nichts zu tun hatten. Daran hatte schon 1820 der Vater keinen Zweifel gelassen, als er Fanny mit ihrem Bruder verglich: „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll; ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wichtig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzusehen, während es Dich nicht weniger ehrt, dass Du von jeher Deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast…… Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche zieret die Frauen.“ Ganz typisch aus das gut gemeinte, aber vergiftete Lob des Carl Friedrich Zelter über Fannys Klavierspiel: „Sie spielt wie ein Mann!“

Das wunderbare Gesamtkunstwerk im Claviersalon bewies, dass Aufklärung vom Feinsten sich mit bester Unterhaltung, mit theatralischen Highlights und musikalischen Glanzpunkten verbinden lässt – abgerundet durch ein erstklassiges Viergängemenü Eva Stillers zwischen den vier Programmteilen. Am Ende waren alle glücklich: Die Akteure über den minutenlangen Beifall, die Zuhörer über den rundum gelungenen Abend. Kein Wunsch war offen geblieben, nur eine Frage: Wie kann man so eine Leistung zu solch niedrigen Preisen bieten?

Damit das so bleibt, sollten Musikfreunde über eine Mitgliedschaft im Claviersalon e.V. ernsthaft nachdenken. Informationen im Internet: www.claviersalon.de.

 

 

 

 

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