Pu der Bär heißt eigentlich Winnie der Pu. Oder einfach nur Pu. Er ist ein nicht ganz schlauer, aber gutmütiger Bär, der im Hundertsechzig-Morgen-Wald lebt und für einen Mundvoll Honig zu jedem Abenteuer bereit ist. Pus bester Freund ist Ferkel, ein ängstliches Schweinchen. Im Wald leben außerdem die altkluge Eule, der depressive Esel I-Ah, das wichtigtuerische Kaninchen, die Kängurumutter Känga und ihr Junges Ruh, sowie der kleine Junge Christopher Robin, der Sohn des Autors. Gemeinsam erleben sie jeden Tag neue aufregende Geschichten.

Das Buch ist ein absoluter Klassiker und fasziniert Erwachsene genauso wie Kinder..

Erfunden hat diese wunderbaren Bären-Abenteuer Alan Alexander Milne (1882-1956), ein britischer Journalist und Theaterautor. Doch eigentlich gäbe es „Pu der Bär“ nicht ohne Christopher Robin, Milnes Sohn: Für ihn hatte der Vater zunächst die Geschichte geschrieben – wobei Christophers Stofftiere Vorbild waren für die liebenswerten und komischen Figuren.

Aber so richtig richtig berühmt wurde der tapsige Bär bei uns erst durch die neue Übersetzung von Harry Rowohlt. Sie ist ein sprachliches Meisterwerk.

Deutschlandradio Kultur – Kulturinterview 13.10.2006 (Archiv)

Deutschlandfunk

Harry Rowohlt über den Erfolg von „Winnie the Pooh“ Moderation: Gabi Wuttke

Am 14. Oktober 1926 erschien die erste Geschichte von Winnie the Pooh. Den großen Erfolg des Buches führt der Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt darauf zurück, dass der eigentliche Autor ein Kind war. Alan Alexander Milne habe nämlich seinen Sohn beim Spielen belauscht und die Geschichten aufgeschrieben, sagte Rowohlt.

 Gabi Wuttke: Ein Bär von geringem Verstand, ein ängstliches Ferkel, eine altkluge Eule, ein depressiver, immer schlecht gelaunter Esel, ein Kaninchen mit harter Schale, aber weichem Kern, ein harmloser Tiger und natürlich Christopher Robin, der kleine Junge, der mit diesen Tieren im 160-Morgen-Wald Abenteuer erlebt. Am 14. Oktober 1926 erschien die Geschichte, die Alan Alexander Milne aufgeschrieben hat, zum ersten Mal. Harry Rowohlt hat Winnie the Pooh ins Deutsche übersetzt .

Jetzt ist er am Telefon in Hamburg, guten Morgen.

Harry Rowohlt: Moin, moin.

Wuttke: Gesetzt dem unwahrscheinlichen Fall, jemand hätte noch nie was Pu dem Bären gehört und gelesen und entsprechend niemals den 160-Morgen-Wald betreten, wie würden Sie ihm diesen Wald und diese Umgebung beschreiben?

Rowohlt: Ja, das ist so ein bisschen schwierig, wenn ich so was könnte, wäre ich selbst Schriftsteller geworden und nicht nur Übersetzer, das ist halt die Privatwelt eines kleinen Jungen. Der Autor Alan Alexander Milne schrieb Satiren für den den Punch und Salonkomödien mit missglücktem dritten Akt, weil am Ende des zweiten Aktes die beiden Liebenden sich immer schon kriegten und im dritten Akt wusste er dann nicht mehr, was er mit denen anfangen soll und dann belauschte er seinen Sohn Christopher Robin Milne, wie der mit seinen Stofftieren spielte und brachte das in Prosaform und schenkte ihm dann später ganz gezielt neue Stofftiere, um ihn weiter belauschen zu können. Der eigentliche Autor ist nämlich Christopher Robin Milne, der mit dem großen Erfolg dieser Bücher auf einen Schlag zum populärsten Kind der gesamten englischsprachigen Welt wurde, worunter er zeitlebens litt.

Wuttke: Sie haben ihn ja selbst persönlich kennen gelernt.

Rowohlt: Nein.

Wuttke: Nicht?

Rowohlt: Nein, er hat sich geweigert, sich interviewen zu lassen. Er hat gesagt, er hat keine Lust den verbitterten alten Mann zu spielen, der er in Tat war.

Wuttke: Das heißt, er hat es nie wirklich verwunden, dass er immer auch als erwachsener Mann der kleine Junge geblieben ist, der seinen Bären hinter sich hergezogen hat, die Treppe hoch, die Treppe runter.

Rowohlt: Genauso, ja, und er war ein sehr guter Tischler und hatte eine schwerstbehinderte Tochter und weil seine Mutter ihn seltsamer Weise enterbt hat und ja dann noch die große Kohle mit dem Disney-Konzern gemacht hat, starb er auch ziemlich verarmt.

Wuttke: Nun ist diese Geschichte von Winnie the Pooh 80 Jahre alt und deshalb darf ich sagen, auch ihnen ist schon aus diesem Buch vorgelesen worden, nämlich von Ihrer Mutter, so ist zumindest in „Schlucken zwei Spechte“ nachzulesen und es ist da…

Rowohlt: Meine vergeigten Memoiren.

Wuttke: Tatsächlich vergeigt? Wieso?

Rowohlt: Weiß ich auch nicht.

Wuttke: Ach so.

Rowohlt: Verleger Bittermann bekniet mich immer, ich soll noch einen zweiten Band nachliefern, was ich nicht tun werde, man darf nicht mehr als einmal Memoiren schreiben im Leben.

Wuttke: Okay, aber es ist dort zumindest in diesem ersten und wenn sie sagen ersten und einzigen Band zu lesen, dass das Vorlesen ihrer Mutter ausschlaggebend dafür war, dass Sie selbst lesen lernen wollten. War es so schlimm?

Rowohlt: Nein, das war nicht schlimm, aber meine Mutter war Schauspielerin, deshalb höre ich mir auch selbst sehr ungern Hörbücher an, weil das sehr viel länger dauert, als selber lesen und man immer warten muss, bis die Schauspieler, die das lesen, mit ihren elenden Betonungen fertig sind. Den eigentlichen Ausschlag gab, dass meine damalige zweite Verlobte Katharina, mit der ich in den Kindergarten ging, zwei Jahre älter war als ich und…

Wuttke: …und das war schon die zweite Verlobte?

Rowohlt: Das war bereits die zweite, die erste hieß Veronika und weil Katharina auch Brillenträgerin war, hielt ich Brille übrigens lange für ein sekundäres weibliches Geschlechtsmerkmal…

Wuttke: Da hat ihre Mutter dann ganz offensichtlich was versäumt.

Rowohlt: …und dann konnte sie, weil sie eben zwei Jahre älter war als ich, wurde sie eingeschult und konnte plötzlich lesen und schreiben und ich aber nicht, so dass ich praktisch kein Umgang mehr für sie war und da habe ich meine Mutter so lange angemault, bis sie mich auch eingeschult hat…

Wuttke: Aber Sie konnten dann auch Winnie the Pooh lesen und was war das, was Sie als Kind am meisten fasziniert hat an dieser Geschichte?

Rowohlt: Ich weiß es nicht, es war alles so einleuchtend. Die meisten anderen Bücher, die ich danach las, waren viel weniger einleuchtend als Pu der Bär.

Wuttke: Aber was war das so Einleuchtende an diesen Geschichten. Ich meine aus Erwachsenen-Sicht kann man sagen, da laufen ein paar Anarchisten durch den Wald. Das ist aber nicht das, was ein Kind sieht.

Rowohlt: Es gibt ja gar keine Kinderbücher. Kinderbücher werden von Erwachsenen geschrieben und von Erwachsenen gekauft und der große Erfolg dieses Buches beruht vielleicht darauf, dass der eigentliche Autor tatsächlich ein Kind war.

Wuttke: Wie haben Sie es als Erwachsener gelesen, als Sie sich dann rangemacht haben, es auf Ihre ganz persönliche Art, für die sie ja auch als Übersetzer sehr geschätzt werden, zu übersetzen und dann noch mal auf sich wirken zu lassen?

Rowohlt: Ich habe es gar nicht auf meine sehr persönliche Art übersetzt, ich habe es zum ersten Mal wörtlich übersetzt. Ein Beispiel unter hunderten: Im Original steht „Bubber, said Pooh“ und in der alten Übersetzung heißt das „Verflixt, jammerte Pooh“ und das Wort verflixt hasse ich, weil das bedeutet, dass man sich nicht traut, verflucht zu sagen und „said“ heißt ums Verrecken nicht jammerte, sondern „sagte“ und bei mir heißt das „So ein Mist, sagte Pooh“ und außerdem reimen sich die Gedichte auf Deutsch nicht und da sind Kinder mit Recht sehr empfindlich, wenn sich etwas, was sich reimen sollte, nicht reimt: „Isn’t it funny, that a bear likes honny“ heißt in der alten Übersetzung, „Ist es nicht komisch, dass ein Bär lieb den Honig“ und bei mir heißt es etwas freier, aber dafür reimt es sich dann wenigstens auch „Ich frage mich seit Jahr und Tag, warum ein Bär den Honig mag“.

Wuttke: Welche Erfahrung haben Sie mit Kindern?

Rowohlt: Ich war selbst mal eines und bin jetzt ein ziemlich altes Kind. Es gibt ja dieses Sprichwort, „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Wuttke: Sie sind aber auch in die Rolle von Winnie the Pooh geschlüpft. Das stimmt natürlich nicht richtig, aber in der Zeit, als Kolumnenschreiber „Pooh’s Corner – Meinung und Deinung eines Bären von geringem Verstand“…

Rowohlt: …von sehr geringem Verstand… Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand.

Wuttke: Hat das das Kind in Ihnen geschrieben oder hat Pooh Qualitäten, die so ganz anders sind als die Qualitäten des Harry Rowohlt, weshalb er aus Pooh’s Corner geschrieben hat?

Rowohlt: Ich habe, glaube ich, die große Begabung, Sachverhalte allgemeinverständlich zu machen, aber nur, wenn ich sie selbst vorher kapiert habe, was die Anzahl der Sachverhalte empfindlich einschränkt. Und insofern habe ich mich so ein bisschen mit Pooh dem Bären solidarisch gefühlt, weil der ja auch ziemlich wenig kapiert, das wenige aber sehr klar ausdrücken kann.

Wuttke: Das heißt also, es steckt – ob wir nun als Kinder oder als Erwachsener auf diese Geschichten schauen, wenn wir sie als Kinder nicht verstehen, dann vielleicht besser als Erwachsene – doch viel Philosophie in diesen Geschichten. Wenn zum Beispiel das Ferkel Pooh fragt: „Wenn du morgens aufstehst, was sagst du dann als erstes.“ Und Pooh sagt: „Was gibt es zum Frühstück?“ Und das Ferkel: „Ich sag, ich möchte gerne wissen, ob heute etwas Aufregendes passiert.“ Und Pooh dann nachdenklich sagt: „Das ist ja das selbe.“

Rowohlt: Ja genau, natürlich, ja es stimmt einfach alles.

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